J. C. Oates: Beim Schreiben allein - Handwerk und Kunst

Joyce Carol Oates: Beim Schreiben allein – Handwerk und Kunst

 

Bücher über die Kunst des Schreibens sind nicht sehr beliebt, da sie vorgeben, dass es eine Anleitung zum Produzieren von Kunst gebe, was für die meisten dem Wesen der Kunst zu widersprechen scheint. Kunst ist doch nicht erlernbar! Sie entsteht aus der Kreativität eines Menschen und es gibt das kreative Genie und den unkreativen „Normal-Menschen“. Das ist eine gängige Meinung, die wir auch unterstützen, denn schließlich soll uns die Kunst ja aus dem Alltäglichen „herausheben“ und die Künstlerin/ der Künstler ist jemand, der über uns anderen schwebt. Bereits in der Schule werden wir mit Aussagen folgender Art konfrontiert: Entweder kannst du schreiben, malen, zeichnen, singen oder eben nicht. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir in den Kreativfächern und im Deutschunterricht, den ich in gewisser Weise auch dazuzähle, irgendeine Technik gelernt hätten. Wir haben gesungen, mehr oder weniger richtig – manche konnten es, manche nicht – und so war es auch mit dem bildnerischen Gestalten und den sogenannten Kreativ-Texten im Deutschunterricht. Kunst kann man nicht lernen.

Und so ist es umso interessanter, dass eine renommierte Autorin wie Joyce Carol Oates ein Buch über das Schreiben verfasst hat und noch dazu den Untertitel „Handwerk und Kunst“ wählt. Also doch ein Handwerk? Dieser Begriff ist gerade im künstlerischen Bereich nicht sehr angesehen. Es gibt ja schließlich auch die Unterscheidung zwischen Kunst und Kunsthandwerk. Joyce Carol Oates gibt allerdings in ihrem Buch keine Anleitung zum Schreiben, sondern behandelt in den einzelnen Kapiteln Aspekte des Schreibens und die Problematik der Existenz als Autor. Ihr Credo lautet, wie auch der Titel schon besagt, dass „Schreiben die einsamste aller Künste“ sei, aber auch, dass Schreiben ein Handwerk sei, das man immer wieder üben müsse und es wichtig sei, zeitgenössische oder ältere Künstlerinnen und Künstler zu studieren und bei ihnen zu lernen. Sie geht sogar so weit, dass sie vorschlägt, auch die weniger bekannten und oft weniger „guten“ Texte von Autorinnen und Autoren zu lesen, um aus deren Fehlern zu lernen und anhand ihres Werdegangs deren Entwicklung für die eigene zu studieren. Dies scheint mir in der heutigen Zeit eine besonders wichtige Aussage, da es immer wieder verwunderlich ist, dass angehende Künstlerinnen und Künstler in den Medien die Vorgänger in ihrer Kunstrichtung gar nicht mehr kennen und häufig die Antwort geben: „Das war schon vor meiner Geburt“, als ob es vor ihnen nichts und niemanden gegeben hätte.

Joyce Carol Oates beginnt ihr Buch mit einer Einleitung, in der sie bereits ihren Grund-Tenor zum Ausdruck bringt, dass junge Schreibende dazu „ermutigt“ werden sollen, „ausgiebig zu lesen, und sowohl klassische als auch zeitgenössische Literatur in einer großen Bandbreite, denn ohne eingehende Kenntnisse des Handwerks“ bliebe man eine Amateurin/ ein Amateur. Sie sieht das Schreiben als eine Mischung aus Unbewusstem im Sinne der im Künstler angelegten Kreativität, und Bewusstem, nämlich der Kenntnis und dem Erlernen des Handwerklichen. Sie thematisiert auch die Problematik des Begriffs Schriftstellerin/Schriftsteller, indem sie es eher mit Erstaunen zur Kenntnis nimmt, wie aus dem Einzelgängertum beim Schreiben bestenfalls „Allgemeingut“ in Form von Literatur und Kultur werden kann.

In ihrem „Bekenntnis als Schriftstellerin“ sieht sie Kunst als Sehnsucht das „Endliche und Flüchtige zu überwinden“ und teilzuhaben an „dem Geheimnisvollen und Gemeinschaftlichen, das Kultur genannt wird.“ Diese Sehnsucht sieht sie als „ebenso stark wie das Bedürfnis unserer Spezies, sich zu vermehren.“

Ich denke, dass viele Bücher, die derzeit geschrieben werden und gemeinhin als Literatur gelten, mit diesem Anspruch der Autorin nichts zu tun haben, sondern als Literatur eben diese Bücher gelten, die sich gut verkaufen, was größtenteils durch die Maschinerie eines Verlags im Hintergrund gefördert wird. Es geht häufig darum, einen bekannten Namen zu vermarkten, mit Hilfe dessen durch Ghostwriting und KI eine Biografie produziert wird, welche dann durch die Medien gepuscht zu einem Bestseller gemacht wird. Weiters findet sich in der heutigen „Literatur“ die ständig wachsende Anzahl an Krimis, wobei auch hier bemerkenswert erscheint, dass anscheinend jede(r), besonders Prominente aus Unterhaltung und Medien, in der Lage ist, einen solchen Text zu schreiben. Hierbei handelt es sich hauptsächlich um mehr oder weniger banale Unterhaltungsliteratur, wobei diese Bücher sicherlich oft gut gemacht sind und auch gegen die Funktion eines Textes als Unterhaltung nichts einzuwenden ist. Mit den Ansprüchen, die Joyce Carol Oates der Literatur zuweist, hat dies allerdings nichts zu tun, da sich darin nichts von dem Kulturanspruch des geheimnisvollen Allgmeingültigen bzw. der“Gegenwelt“ erkennen lässt. Hier finden sich weder Inspiration, Erinnerung noch Selbstkritik oder ein „höchster Ausdruck des menschlichen Geistes.“ Insofern bleibt zu hoffen, dass die Kunst wieder von den Begriffen wie „performen“, vermarkten und von reiner Unterhaltung zu den ursprünglichen Grundaspekten zurückfindet.

 

Die Kunst ist eine Metapher, um uns größere, ursprüngliche, archetypische Zusammenhänge zu zeigen, um uns von der oft einsamen, harten Realität unseres Lebens in einen allgemeingültigen Zusammenhang mit der Welt zu bringen und somit in gewisser Weise in einer metaphysischen Form zu fungieren.