Franz Kafka „Der Geier“ – toxische Positivität oder Befreiung aus der Hilflosigkeit
Kafkas Parabel „Der Geier“wirft, wie nicht anders zu erwarten, mehr Fragen auf, als sie klare Antworten gibt. Die Situation ist folgende: Ein Mann wird von einem Geier gequält, der in seine Füße hackt. „Stiefel und Strümpfe hatte er schon aufgerissen, nun hackte er schon in die Füße selbst. Immer schlug er zu, flog dann unruhig mehrmals um mich und setzte dann die Arbeit fort.“ Der Geier scheint eine Tätigkeit zu vollführen, von der anscheinend angetrieben ist, was seine Unruhe zeigt. Ein vorbeikommender „Herr“ sieht der Situation zu und fragt den Mann zu Recht, warum er den Geier „dulde“, worauf dieser antwortet: „Ich bin ja wehrlos.“ Er schildert seine Bemühungen, das Tier loszuwerden, bei denen er aber erkennen musste, dass er keine Chance hat. Er habe ihn sogar zu würgen versucht, meint jedoch „aber ein solches Tier hat große Kräfte, auch wollte er mir schon ins Gesicht springen, da opferte ich lieber die Füße.“ Der Herr zeigt kein Verständnis für die Duldung der Quälerei und schlägt vor, den Geier einfach zu erschießen. Der Mann ist sich anfangs etwas skeptisch, stimmt aber doch schmerzgeplagt dem Vorhaben zu und bittet den Herrn, ihm zu helfen, welcher allerdings noch eine halbe Stunde benötigt, um das Gewehr zu holen. „Können Sie noch eine halbe Stunde warten?“ „Das weiß ich nicht“, sagte ich und stand eine Weile starr vor Schmerz, dann sagte ich: »Bitte, versuchen Sie es für jeden Fall.«“
An dieser Stelle erfährt der Text eine unvorhergesehene Wendung: Der Geier, der vorher von einer gewisse Nervosität erfüllt war, hört dem Gespräch ruhig zu und sieht zwischen den Gesprächspartnern hin und her. Der Mann bemerkt, dass der Geier alles verstanden hat und kann nur mehr sehen, wie das Tier „Schwung nimmt“ und den Schnabel „wie ein Speerwerfer“ durch seinen Mund in sein Inneres stößt. Im Zurückfallen spürt der Mann eine Befreiung durch die Erkenntnis, dass der Geier in seinem Blut ertrinkt. „Zurückfallend fühlte ich befreit, wie er in meinem alle Tiefen füllenden, alle Ufer überfließenden Blut unrettbar ertrank.“
Welche Fragen stellen sich nun dem von einer Parabel Antworten erwartenden Lesenden?
Was oder wen symbolisiert der Geier?
Ist der Mann dem Geier gegenüber zu passiv oder konnte er wirklich nichts tun?
Ist die Tatkräftigkeit des Herrn vielleicht eine Art „toxische Positivität“, durch die er das wahre Ausmaß des Geiers nicht erkennen kann oder will? Und dies führt schließlich auch zur weiterführenden Frage: Hätte der Mann dem Herrn überhaupt vertrauen und ihn um Hilfe bitten sollen, da diese schließlich zu seinem Untergang führt?
Diese Teilfragen führen schließlich zur letzten großen Frage, die der Text stellt und die beantwortet werden soll: Was lehrt uns die Parabel?
Ich beginne mit der ersten und wahrscheinlich am leichtesten zu beantwortenden Frage. Den Geier als Tier der Mythologie kennen wir aus vielen Texten und auch aus dem Mythos „Prometheus“, den Kafka ebenfalls in einer Parabel bearbeitet hat. Im Mythos hackt der Geier Prometheus immer wieder ein Stück der Leber aus dem Körper, wobei die Leber aber immer wieder nachwächst. Dies bedeutet, dass der Geier der Ausführende einer Strafe durch die Götter ist und von diesen beauftragt wird, diesen Dienst zu leisten. Durch das Nachwachsen der Leber stirbt Prometheus nie, sondern ist eine Ewigkeit im Schmerz gefangen. Die größte Strafe, die die Götter den großen Sündern im Mythos geben ist die der Unendlichkeit. Etwas, was nie endet, ist die größte Strafe für den Menschen, denn was immer das menschliche Leben uns auferlegt, hat den Trost eines Endes in sich. In Kafkas Text „Der Geier“ versucht der Mann den im zugefügten Schmerz auszuhalten und hofft dem Ende zu entgehen. Er nimmt durch seine Untätigkeit in Kauf, Schmerzen auf ewig zu haben und nicht zu wissen, was ihn noch erwartet. Er ist dem Schmerz in Form des Geiers ausgeliefert. Das ewige Ausgeliefertsein ist die größte Strafe, die einem auferlegt werden kann.
Diese Beantwortung der sich durch den Text aufwerfenden Frage geht bereits in die nächste Frage hinein. Hätte der Mann etwas tun können bzw. sollen? Er fühlt sich dem Tier ausgeliefert, da er dessen Kraft als zu groß einschätzt, ohne sie zu erproben. Aus Angst überlässt er dem Geier immer wieder ein kleines Stück von sich, damit er selbst überleben kann. Diese Haltung erinnert an die vieler anderer Figuren in Kafkas Texten, wie zum Beispiel die des Mannes in der Türhüter-Parabel. Auch hier ist man beim Lesen des Textes immer wieder versucht, dem Mann zu sagen, er solle doch die Macht der übergeordneten Figur erproben und sich nicht einschüchtern lassen. Während der Mann in der Türhüter-Parabel erst im Angesicht des Todes eine zentrale Frage an den Türhüter zu stellen wagt, nimmt der Mann im Text „Der Geier“ die Hilfe einer anderen Figur in Anspruch, wenn auch nur zögernd. Eine radikale Lösung scheint in Sicht, aber sie benötigt noch ein wenig Zeit, da die Hilfsfigur erst das Hilfsmaterial holen muss. Diese Aktion des Hilfe-Holens provoziert jedoch den Geier so sehr, dass er sich auf den Mann stürzt, um ihn zu töten und nicht selbst getötet zu werden. Die fremde Hilfsaktion kommt also zu spät und scheint unvorsichtig, da nicht damit gerechnet wird, dass der Geier die Absicht erkennen kann und handelt. Für den Mann wäre es vielleicht besser gewesen, aus eigenen Stücken zu handeln und sich nicht durch den Herrn leiten zu lassen.
Die tatkräftige Haltung des Herrn, der in der Beseitigung des Tieres kein Problem sieht und gleich zum Äußersten greift, könnte man im psychologischen Sinne als „toxische Positivität“ ansehen, mit der er auch den Mann beeinflusst. Er lässt ihn mit seiner Tatkraft unvorsichtig werden und das Problem unterschätzen, was schlussendlich zu dessen Ende führt.
Dies führt uns nun zum Versuch, die letzte und entscheidende Frage, nämlich: Was lehrt uns die Parabel? zu beantworten.
Während die Angst des Mannes vor dem, was passiert, ihn ausgeliefert an sein Schicksal sein lässt, erfährt er letztendlich in der finalen Handlung eine gewisse Genugtuung, dass er auch seinen Peiniger besiegt hat, da das Böse mit ihm stirbt und er ihm nicht hilflos ausgeliefert war, sondern sein Schicksal in die Hand nahm. Durch den Rat des Herrn beginnt sich der Mann gegen den Schmerz aufzulehnen, was zwar bedeutet, dass er im Endeeffekt stirbt, aber damit auch dem Schmerz entkommen kann. Somit hat der Schmerz eine Endlichkeit. Der Tod und das Ende werden in gewisser Weise aktiv herbeigeführt, während der vorherige Zustand ein Verharren im Schmerz und ein Ausgeliefert-Sein an diesen für die Ewigkeit bedeuten.
Bei allen Lösungsversuchen und Deutungen sehe ich Franz Kafkas Parabeln trotzdem nicht als Handlungs-Anreiz für den Menschen -das wäre zu einfach- sondern als eine Darstellung des Lebens in seiner letztendlichen Ausweglosigkeit und Ausgeliefertheit.
Denn so einfach sind Kafka Texte nicht zu sehen, es geht ihm um ein größeres Ganzes und letztendlich um das nicht gelöste Rätsel des Menschseins.