E.T.A. Hoffmann „Der Sandmann“ – traumabedingte Intrusion

E.T.A. Hoffmann „Der Sandmann“ – traumabedingte Intrusion

 

„Der Sandmann“ (1816) ist eine Erzählung des Dichters E.T.A. Hoffmann aus der Epoche der Romantik. Sie kann der Schauerromantik oder „schwarzen Romantik“ zugeordnet werden, welche im deutschsprachigen Raum bei weitem nicht so gängig und beliebt war wie im englischsprachigen. Man denke hier an die berühmten Werke „Dracula“ von Bram Stoker, „Frankenstein oder der moderne Prometheus“ von Mary Shelley oder „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ von Robert Louis Stevenson. Die „schwarze Romantik“ findet sich in der deutschsprachigen Literatur nur ansatzweise und passagenweise in einigen Werken, da ja das Düstere und Übernatürliche ein Teil des romantischen Kunst-Verständnisses war. Die deutsche Romantik enthält vielmehr Werke, die sehr theoretisch und kompliziert und daher auch schwer lesbar sind. Sie haben es deshalb auch nicht in die Neuzeit geschafft, obwohl sie sehr interessantes Gedankengut enthalten und auch viele moderne psychologische Konzepte vorwegnehmen. Die Werke der „schwarzen Romantik“ haben es durch ihre Schauermotive geschafft, auch heute noch präsent und Klassiker geworden zu sein. Vielleicht nicht unbedingt in ihrer ursprünglichen Form, in der sie auch schwierig zu lesen sind, sondern durch die Kraft ihrer Archetypen der Horror-Motivik, die sich immer wieder neu adaptieren lassen. Diese darin verarbeiteten Urängste sind immer noch allgegenwärtig und lassen sich auch durch moderne Lebensweise und Technik nicht ablegen. Die Angst des Menschen bleibt immer gleich.

Die Erzählung „Der Sandmann“ beginnt mit drei Briefen, von denen einer, nämlich Nathanaels, der Hauptfigur, der an den Freund Lothar geschrieben ist, versehentlich an Clara, seine Verlobte, gelangt. In diesem Brief berichtet dieser von einem traumatischen Ereignis in seiner Kindheit, bei dem ein gewisser Advokat Coppelius vorkommt, der mit seinem Vater anscheinend alchimistische Versuche macht, bei denen der Vater ums Leben kommt.  Coppelius wird mit der Märchenfigur des „Sandmanns“ gleichgesetzt, da Coppelius dem Kind erzählt, dass der Sandmann den Kindern Sand in die Augen streut, wenn sie nicht die Augen zumachen und schlafen wollen. „Das ist ein böser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett gehen wollen und wirft ihnen Händevoll Sand in die Augen, daß sie blutig zum Kopf herausspringen, die wirft er dann in den Sack und trägt sie in den Halbmond zur Atzung für seine Kinderchen; die sitzen dort im Nest und haben krumme Schnäbel, wie die Eulen, damit picken sie der unartigen Menschenkindlein Augen auf.“ Coppelius möchte nämlich nicht, dass das Kind Augenzeuge der Experimente wird. Die ganze Familie scheint, laut Nathanaels Schilderung, Angst vor diesem Menschen zu haben, der besonders die Kinder verabscheut.

Als Erwachsener glaubt Nathanael den Sandmann, also Coppelius, gesehen zu haben, der sich aber als Wetterglashändler Coppola erweist. Dieses Wiedersehen lässt in Nathanael das alte Trauma wieder erwachen. „Etwas Entsetzliches ist in mein Leben getreten! – Dunkle Ahnungen eines gräßlichen mir drohenden Geschicks breiten sich wie schwarze Wolkenschatten über mich aus, undurchdringlich jedem freundlichen Sonnenstrahl.“  Es stürzt ihn in abgrundtiefe Angst und es beginnt für ihn der Alptraum der verschobenen und verfälschten Wahrnehmung. Clara, die den Brief Nathanaels durch eine Unachtsamkeit desselben erhalten hat, versucht nun ihren Verlobten von dessen Meinung abzubringen und seine Vorstellung wieder richtig zu stellen. Sie erklärt ihm, dass das Böse nur eine Vorstellung aus seiner Kindheit sei, die so nicht stimme. Er habe die düsteren Gedanken in seinem Inneren Platz nehmen lassen und sie auf eine Figur im Äußeren übertragen. Sie meint, er solle dem Dunklen keinen Raum in sich lassen und dürfe dem Bösen keine Macht geben, denn es sei möglich, sich dieser Macht zu erwehren. „Gibt es eine dunkle Macht, die so recht feindlich und verräterisch einen Faden in unser Inneres legt, woran sie uns dann festpackt und fortzieht auf einem gefahrvollen verderblichen Wege, den wir sonst nicht betreten haben würden – gibt es eine solche Macht, so muß sie in uns sich, wie wir selbst gestalten, ja unser Selbst werden; denn nur so glauben wir an sie und räumen ihr den Platz ein, dessen sie bedarf, um jenes geheime Werk zu vollbringen.“

Nach der Einleitung durch diese Briefe spricht der auktoriale Erzähler die Lesenden an, indem verschiedene Möglichkeiten des Anfangs der Erzählung vorgegeben werden. Es war einmal“ – der schönste Anfang jeder Erzählung, zu nüchtern! – „In der kleinen Provinzialstadt S. lebte“ – etwas besser, wenigstens ausholend zum Klimax. – Oder gleich medias in res: „Scher er sich zum Teufel‹, rief, Wut und Entsetzen im wilden Blick, der Student Nathanael, als der Wetterglashändler Giuseppe Coppola - (…)“ Der Erzähler erzeugt das Gefühl für den Lesenden, den Figuren ganz nahe zu sein und ihnen unmittelbar bei ihrem Handeln zuzusehen. Er erläutert auch, dass das Leben die besten Geschichten schreibe und der Dichter nur Farbe in die Erzählung bringen müsse.

Nathanael ist nach der Begegnung mit Coppelius/Coppola nicht mehr derselbe, so sehr auch Clara versucht, ihn von der düsteren Sichtweise wegzubringen. Er schreibt düstere Geschichten, die ihr nicht mehr zugänglich sind. Sonst hatte er eine besondere Stärke in anmutigen, lebendigen Erzählungen, die er aufschrieb, und die Clara mit dem innigsten Vergnügen anhörte, jetzt waren seine Dichtungen düster, unverständlich, gestaltlos (…)“. Eine handelt davon, dass Clara und Nathanael bei ihrer Hochzeit von Coppelius grausam vernichtet werden. Als Clara ihr Entsetzen zeigt, wendet sich Nathanael von ihr ab und beschimpft sie als einen Menschen ohne Gefühle. „Da sprang Nathanael entrüstet auf und rief, Clara von sich stoßend: »Du lebloses, verdammtes Automat!«“ Sie entfremden sich immer mehr voneinander.

 

 

 

 

 Nathanael ist sich seiner Wahrnehmung und Orientierung nicht mehr sicher. So verliebt er sich in eine Puppe mit Namen Olimpia, einen von Prof. Spalanzani, einem Wissenschaftler, gebauten Automaten, den Nathanael für die Tochter des Physikprofessors hält.  Sie erscheint Nathanael in ihrer merkwürdigen Leblosigkeit als perfekt. Bei einem Fest stellt der Professor seine Automaten-Puppe dem Publikum vor und Nathanael lauscht ihrem Gesang. Er verliebt sich so stark in sie, dass er den ganzen Abend mit ihr verbringt und ihr seine Liebe gesteht. Als Antwort bekommt er immer nur ein wiederholtes „Ach“, was ihn aber glücklich stimmt, da er es als Zustimmung annimmt. Der Professor erlaubt Nathanael von nun an, Olimpia zu besuchen und mit ihr zu sprechen. Dieser sieht in ihr die beste Zuhörerin, denn sie lauscht stundenlang, bewegungslos seinen Ausführungen. Er glaubt in Olimpia einen Spiegel seiner selbst gefunden zu haben, denn sie ist die Einzige, die ihn und seine Werke versteht. Er sieht in ihr, obwohl sie nichts erwidert, eine Seelenverwandte und möchte sie heiraten. Als er mit dem Ring, den ihm seine Mutter gegeben hat, ins Haus von Spalanzani kommt, wird er Zeuge davon, wie die Puppe bei einem Streit zwischen Spalanzani und Coppola beschädigt wird. Er sieht den augenlosen Kopf der Puppe und als der verletzte Professor ihm die blutenden Augen an die Brust wirft, erleidet er einen völligen Nervenzusammenbruch und wird in eine Heilanstalt gebracht. Zurückgekehrt zu Clara erscheint er geheilt und wieder in Liebe mit ihr vereint. Bei einem Spaziergang durch die Stadt besteigen sie einen Turm und Nathanael blickt durch das Perspektiv, das er von Coppola gekauft hat, und beginnt plötzlich in Raserei Clara zu attackieren. Lothar, der nicht mit auf den Turm gegangen ist, eilt seiner Schwester zuhilfe und kann sie gerade noch retten.  In der Menschenmenge, die sich unter dem Turm gebildet hat, ragt Coppelius hervor. Als die Menschen meinen, man müsse den Rasenden vom Turm herunterholen, erwidert Coppelius, dass dieser schon allein herunterkommen würde. Bald darauf springt Nathanael im Wahnsinn vom Turm und liegt zerschellt auf der Straße. Coppelius ist nirgends mehr zu sehen.

Als Abschluss meint der auktoriale Erzähler, dass man viel später Clara vor einem Häuschen hätte sitzen gesehen, mit einem Mann und zwei Kindern. Sie schien ein ruhiges Leben gefunden zu haben, das sie an der Seite von Nathanael nie gehabt hätte.

Die Erzählung enthält einen Motivkomplex, der schon oft gedeutet wurde: Das Motiv der Augen, über welche die Wahrnehmung am stärksten gesteuert wird, das Motiv des Automaten-Menschen, das in der Romantik von großem Interesse war, da man fasziniert war von der Technik und auch damals schon die Angst vor Entfremdung bestand. Das Symbol des „Sandmanns“, der dem Menschen die Möglichkeit des klaren Sehens nimmt, und schließlich auch das in der Romantik häufig vertretene Motiv des Doppelgängers, der Aufspaltung des Menschen in eine düstere dämonische „Nachtseite“ und eine helle und klare „Tagseite“.

Ich möchte in diesem Text darauf hinweisen, welche vermeintlich „modernen psychologischen Phänomene“ bereits in der Zeit der Romantik von den Dichtern zum Ausdruck gebracht wurden: Schon der Beginn der Erzählung enthält ein interessantes psychologisches Phänomen, das man als eine Art „Freud`schen Adressaten-Fehler“ bezeichnen könnte. Nathanael adressiert den Brief, den er an Lothar schreiben möchte, irrtümlich an Clara, die eigentlich die lichte Seite von Nathanaels plötzlichen düsteren Eingebungen ist. Schon ihr Name deutet darauf hin und sie wird häufig in der Interpretation als Vertreterin der Aufklärung bezeichnet, die Nathanaels düstere, der Romantik zuzuteilenden „Spinnereien“ abzuschwächen versucht. Dieser Irrtum wirkt wie der geheime Wunsch Nathanaels nach Entkräftigung seiner düsteren Eingebungen. Clara sieht die Macht des Bösen im Menschen selbst und es ist unsere Aufgabe, ihr nicht nachzugeben, sondern den Verstand zu gebrauchen und sich bei klaren Gedanken zu halten. Wer von uns mit Ängsten und Panikattacken aus Traumata der Kindheit zu tun hat, weiß, wie schwierig das ist, sich in diesen Momenten von den Vorgaukelungen von Köper und Geist zu lösen und klar zu bleiben. Natürlich wissen wir inzwischen mehr über die Funktion der Angst, die aus solchen Traumata entstanden ist, und können besser mit den Auswirkungen umgehen.  Aber schon E.T.A. Hoffmann kannte anscheinend die Auswirkungen von Kindheitstraumata auf den erwachsenen Menschen. Als „Trigger“ fungiert die Person des Alchimisten Coppelius, der in einer anderen Figur namens Coppola wieder auftaucht und in Nathanael ein „Schock-Trauma“ auslöst. Ab diesem Zeitpunkt verdüstert sich sein Gemüt und er kann den „normalen“ Gedanken nicht mehr folgen. Seine Psyche wird von den unverarbeiteten Ereignissen seiner Kindheit überschwemmt. Diese neue Seite an Nathanael führt zu einer Verschlechterung der Beziehung zu Clara. Beide verstehen einander nicht mehr richtig. Sogar in einem Traum erscheint Coppelius/ Coppola als der Zerstörer des Liebesglücks der beiden.

Während sich Nathanaels Beziehung zu Clara immer mehr zum Negativen verändert, beginnt seine überfallsartige Liebe zur Automaten-Puppe Olimpia, die er bei Prof. Spalanzani sieht. Er kann nicht erkennen, dass sie nicht echt ist. Seine „Retraumatisierung“ hat seine Wahrnehmung so weit verändert, dass er das Normale nicht mehr richtig erkennen kann und im Künstlichen das Echte sieht. Er glaubt in ihr sogar den Spiegel seiner selbst zu sehen und fühlt sich nur von ihr verstanden und geliebt.  Er hat nur mehr Augen für dieses künstlich erzeugte Wesen und dessen Zerstörung in einem Streit bringt ihn vorübergehend ins Irrenhaus. E.T.A. Hoffmann schildert hier ein erst viel später in der Psychologie erforschtes Symptom der Auswirkung von Kindheitstraumata, nämlich die verschobene Wahrnehmung und die Intrusion. Nathanael kann die Realität nicht mehr erkennen und gerät in einen psychischen Horror. Natürlich muss hier angeführt werden, dass das Wahrheits-Verständnis der Romantiker hier eine bedeutende Rolle spielt. „Wahnsinn ist Wahrsinn“ und vielleicht erkennt der „Ver-rückte“ einfach nur mehr als das einfache Gemüt. Wahnsinn in der Romantik gibt es nicht.

E.T.A. Hoffmann spielt durch seine Erzählperspektive mit diesem Wahrnehmungs-Dilemma. Er lässt den auktorialen Erzähler immer wieder einmal auftreten, um sich mit dem Lesenden über die Geschichte und die Möglichkeit der Darstellung zu unterhalten und lässt damit den Lesenden zwischen erzählerischer Illusion und Realität hin- und herschwanken. Durch die teilweise Briefform, welche die Romantiker geschickt an Punkten einsetzen, welche subjektives Geschehen darstellen, das nicht für alle, sondern nur für den Schreibenden sichtbar oder wahrnehmbar und daher nicht überprüfbar ist, wird die unterschiedliche Möglichkeit der Wahrnehmung des Menschen noch unterstützt. Allerdings endet die Erzählung damit, dass Nathanael, der aus dem Irrenhaus geheilt zurückkommt und wieder mit Clara vereint ist, schlussendlich nach einem Besuch eines Turms, von dem aus er in der Menge wieder Coppelius aus seiner Kindheit sieht, sich in Grauen vom Turm stürzt. Hier verwendet der Dichter die neutrale, klare Erzählperspektive, indem er schildert, dass der Advokat Coppelius in die Stadt gekommen und direkt zum Turm gegangen sei. Als er Nathanael auf dem Turm sieht und die Menschenmenge ihm zu helfen versucht, sagt er: „Ha, ha – wartet nur, der kommt schon herunter von selbst.“ Und als Nathanael tot am Boden liegt und die Menge sich um ihn drängt, ist Coppelius bereits verschwunden. Somit wird im Unklaren gelassen, ob diese Figur nicht doch real existiert, und die Grenzen zwischen Realität und Phantasie verschwinden.

Nathanaels Ende könnte jedoch auch so gedeutet werden, dass eine allzu große Abweichung von der Norm der Wahrnehmung der anderen Menschen nicht funktioniert und zum Unglück führt. Eine Wahrnehmung, die sich so sehr von der der anderen unterscheidet, mag auch ihre „Wahrheit“ haben, kann aber nicht gelebt werden, da sie von den anderen nicht gespiegelt werden kann. Nur die leblose Puppe Olimpia konnte Nathanael einen Spiegel bieten.

Am Ende wird der Horror von Nathanaels Selbstmord durch den Humor, der den Romantikern ebenfalls zu eigen war, etwas aufgehoben. Der Dichter lässt den auktorialen Erzähler mitteilen, dass jemand in späteren Jahren Clara mit einem Mann und Kindern vor einem Häuschen sitzen gesehen habe, und sie schien glücklich zu sein, viel mehr als es ihr mit Nathanael je hätte möglich gewesen sein können.