Schreiben als Wahrheit oder Narrativ

Das Schreiben einer Biografie oder die Gestaltung einer Familiengeschichte kann durch die intensive Beschäftigung mit der Vergangenheit zu einem neuen Blick auf diese führen. Denken und mündliches Erzählen ist nicht Schreiben. Diese Erfahrung zeigt sich beim Verfassen des Textes ganz massiv. Hinter mir liegt eine lange Zeit der Beschäftigung mit meiner Kindheit und Jugend, da meine Panik-Attacken und Angststörungen mir keine andere Wahl ließen. Aber auch darüber hinaus wurde in unserer Familie immer viel erzählt. Es gibt eine Menge von einzelnen Geschichten und Episoden, die meine Großmutter, mein Vater und meine Mutter mir erzählten. Es gab anscheinend ein großes Bedürfnis, sich über die Personen und deren Leben in der Familie zu definieren. Sehr häufig kam es zu Vergleichen mit noch lebenden oder bereits verstorbenen Familienmitgliedern, was mir häufig nicht gefiel, weil es in vielen Fällen um negative Eigenschaften ging. Sätze wie: „Du bist so egoistisch wie dein Vater, so phlegmatisch wie deine Großmutter, eine echte Kröll (d.h. nicht angepasst, eigensinnig, spinnig, rücksichtslos usw.), so ängstlich und feig wie ich (von meiner Mutter), du kommst in der Figur ganz nach deiner Großmutter väterlicherseits (nicht sehr schmeichelhaft), du bist ganz die Mammi (Name der Großmutter väterlicherseits)“, waren ständig immer wieder im Umlauf. 

Es gab auch Geschichten, die über die Jahre unterschiedlich erzählt wurden und letztendlich dann wie ein Mythos klangen, dessen Wahrheitsgehalt mehr in der Deutung als im Inhalt lag. Besonders der kleine abgeschiedene Ort, aus dem mein Vater stammt, eignet sich zur Mythos-Bildung. Stimmen die Geschichten über meinen „wilden“ Großvater wirklich oder wollte man ihn im Nachhinein so sehen, um sich über ihn zu definieren? War die Kindheit meines Vaters derart unzivilisiert und rau? Solche Fragen stellen sich häufig und sind nicht einfach zu beantworten. Ich denke, der Kern stimmt, aber das rundherum hat sich manchmal etwas verändert und verdeutlicht, was auch gut ist.

Jedes Erinnern ist in der mündlichen Wiedergabe ein Narrativ und noch stärker in der schriftlichen Darstellung. 

Eine Biografie zu schreiben, bedeutet: ordnen, gliedern und deuten. Sogar in manchen Geschichten, die mir nicht erzählt wurden, sondern die ich selber erlebt habe, ertappe ich mich dabei, ob sie sich wirklich ganz so abgespielt haben, oder ob meine Erinnerung sie mich im Nachhinein so sehen lässt. Vielleicht hat sich manches in mir durch meine Deutung der Vergangenheit, so wie ich sie sehen will, zu einem Bild verfestigt, das nicht ganz dem wahren Geschehen entspricht. 

Auf jeden Fall ist die schriftliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit eine abenteuerliche Reise mit vielen unerwarteten Zwischen-Stopps, besonders für mich, die ich in der Realität nicht reisen kann.

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