Illoyalität gegenüber Verstorbenen

Die Preisgabe von Familiengeheimnisssen oder Illoyalität den Verstorbenen gegenüber

 

Das Schreiben einer Biografie führt unweigerlich zur Problematik, inwieweit es erlaubt bzw. moralisch ist, Familiengheimnisse preiszugeben, wenn die Personen, die beschrieben werden, nicht mehr am Leben sind. Joachim Meyerhoff wird in seinem Roman „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ , dessen Verfilmung sehr humorvoll und gleichzeitig berührend ist, von seiner Großmutter, über die er schreibt, gefragt, ob er einen Text über sie verfasse, und bejaht diese Frage. „Es ist gut so“, antwortet die Großmutter und gibt somit ihr Einverständnis zur Preisgabe ihrer Geschichte. 

Was ist allerdings, wenn Eltern, Großeltern und andere Personen, die in der Biografie beschrieben werden, nicht mehr gefragt werden können und nicht mehr ihr Einverständnis oder ihre Ablehnung zum Ausdruck bringen können? Hätten sie erlaubt, dass ihre Geschichte öffentlich ausgebreitet wird bzw. wären sie einverstanden gewesen mit dem, was über sie zum Vorschein kommt?

Was darf ich schreiben und was geht zu weit? Gibt es ein Zu-Weit?

Diese Fragen wiegen schwer und lasten auf den Schreibenden. Manchmal wird man den Gedanken nicht los, sich exhibitionistisch zu verhalten und sich selbst und die anderen dem Voyeurismus zu überlassen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, nur positive Aspekte der Lebensgeschichte zu beschreiben und Persönlicheres wegzulassen. Dies scheint allerdings nicht wirklich der Sinn einer Biografie zu sein. Nur über sich selbst zu schreiben, funktioniert nicht, da jeder Mensch ein Produkt seiner Umwelt und der ihn umgebenden Menschen ist, und somit sich nicht alleine beschreiben kann. 

Es gibt meines Erachtens noch zwei Möglichkeiten, wie man diesem Dilemma entgehen kann: 

  • die Veröffentlichung des Textes unter einem fremden Namen
  • die Verfremdung des Textes durch die Gestaltung eines autobiografischen Romanes

Beide Varianten haben den Vorteil, sich aus der Verantwortung und dem schlechten Gewissen zu lösen, haben aber den Nachteil, sich nicht anderen Menschen präsentieren zu können. Letztendlich gibt es keine andere Möglichkeit, wenn man ehrlich sein möchte, und ich denke, nur dann hat eine Biografie einen Sinn und eine Berechtigung, als den Mut aufzubringen, sich über vielleicht existierende Vorgaben hinwegzusetzen und zu beschreiben, was sich zugetragen hat. Schließlich muss man somit auch in Ehrlichkeit zu sich stehen und sich damit auseinandersetzen, dass das Verfassen einer Familiengeschichte oder einer Biografie neben anderen Funktionen auch eine Portion Selbstdarstellung oder vielleicht sogar Narzissmus in sich hat.

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