Böse Mädchen werden vom Vampir gebissen und gute letztendlich auch - Das grausige Ende von Lucy Westenra und Minna Murray in Bram Stokers "Dracula"


 

Keine andere Figur aus der Romantik erlebte eine solche Renaissance wie der Vampir. Die Blutsauger haben Bücher und besonders Filme und Serien der letzten Jahre bevölkert. Kaum jemand konnte sich den wunderschönen, aber gefährlichen Männern entziehen. Frauen waren bereit alle Gefahr zu ignorieren, da diese wunderschönen Geschöpfe in Aussehen und Charisma so weit über dem Durchschnittsmann rangierten, dass die kleinen scharfen Eckzähne einfach verdrängt wurden. Besser von einem geheimnisvollen, melancholischen Mann schnell dahingerafft, als an der Seite eines öden „Normalos“ langsam zu Tode gelangweilt zu werden.

 

Die prototypische Urform des schönen Untoten finden wir in der Figur des Grafen, des Vlad Tepes, des Pfählers, auch Dracula nach dem „Drachenorden“ genannt, der in Bram Stokers Roman „Dracula“ seine romanhafte Darstellung findet. In Transsilvanien, in einer der wildesten Gebiete der damaligen Zeit (wir schreiben das Ende des 15. Jahrhunderts) haust eines der grausamsten Monster und gleichzeitig einer der größten Liebenden.

 

Eigentlich begann alles für die damalige Zeit und das Land ganz normal. Der Fürst der Walachei verteidigte sein Heimatland gegen die Türken und die Krieger waren nicht zimperlich. Laut Überlieferung soll Vlad Tepes Draculea seine Gegner gepfählt haben, eine Folter- und Mordmethode, die zu dieser Zeit häufig vorkam. Aber man findet auch in einigen Quellen eine Art Biografie der historischen Hintergrundfigur für den Vampir Dracula. Schon seit frühester Kindheit soll er mit seinem Vater in grausamsten Schlachten gekämpft haben, er soll gefangen genommen, gefoltert und missbraucht worden sein, was dazu führte, dass er selbst ein verrohter Erwachsener wurde. Wir haben es also mit einer frühen Freudschen Auslegung eines Jugendtraumas zu tun.

 

Bram Stoker, ein Ire, der selbst nie in Transsilvanien war, macht aus dem grausamen Folterer einen loyalen Verteidiger des Christentums. Durch eine Intrige nimmt sich seine Frau Elisabetha das Leben, weil sie ihren Gatten, der in der Schlacht ist, tot wähnt, und Vlad findet seine Frau nach siegreicher Schlacht leblos zu Hause. Das ist nun endgültig zu viel für diesen hartgesottenen brutalen Folterknecht, denn nichts geht über die Liebe zu seiner Frau, und dass Gott ihm diese nimmt, als er gerade im Krieg für ihn kämpft, kann er nicht ertragen. Er verflucht Gott, sticht mit dem Schwert auf das Kreuz Christi ein, was einen Blutstrom zur Folge hat, von dem Vlad trinkt und zum ewigen Leben verdammt wird. Dies ist Stokers Geschichte zur Vampir-Werdung des Vlad Tepes.

 

Schon hier ist die Figur in ihrer Zweischneidigkeit -ganz im Sinne der Tag- und Nachtseiten der Romantik- angelegt. Der grausame Mörder ist ein großer Liebender, der aus Trauer über den Tod seiner Frau sein Leben hinwirft.

 

Stoker hat seinen Roman in Briefen und Tagebuchaufzeichnungen verfasst. So erfahren wir die ganze Geschichte aus der subjektiven Perspektive der Protagonisten. Auch dies ist im Sinn der Romantik, die jede Wahrnehmung zulässt. „Wahnsinn ist Wahrsinn“ lautet das Motto. Was immer du siehst, spürst, hörst und riechst, ist richtig und hat somit seine Berechtigung. Der Vampir ist für die, die ihn sehen können, so wahr wie für andere ein Tisch oder ein Sessel. So lässt Stoker seine Figuren ihre ganz persönliche Sicht der Dinge erzählen.

 

Der Junge Jonathan Harker bekommt von seiner Kanzlei die nicht gerade angenehme Aufgabe, nach Transsilvanien zu reisen, um für den Grafen die Kaufverträge für Immobilien in London abzuschließen. Die Reise wird, wie man sich denken kann, zum Alptraum. Unvergessen ist in diesem Zusammenhang die Szene in Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilm, als der Graf verkleidet als Kutscher den verängstigten Jonathan Haker sanft, aber bestimmt mit seiner mit langen Krallen behafteten Hand in seine Kutsche zieht. Spätestens hier ist klar, dass es für den jungen Mann nicht mehr so schnell zurück in die reale Welt gehen wird.

 

Während Haker im Schloss des Grafen gefangen, dem schrecklichen Horror ausgeliefert ist und schließlich zu guter Letzt von drei rumänischen Vampirfrauen angeknabbert und langsam ausgesaugt wird, befindet sich seine Verlobte Minna Murray als Privat-Lehrerin im herrschaftlichen Haus ihrer adeligen reichen Freundin Lucy Westenra. Die beiden Frauen sind sehr unterschiedlich: Die tugendhafte Minna, die auf ihren Verlobten wartet und die freizügige freche Lucy, die mit den Männer ein wollüstiges Spiel treibt. Und als der Graf in einem Sarg mit Heimaterde in einem Schiff nach London reist, um dort Minna als Wiedergeburt seiner toten Frau Elisabetha zu treffen, ist es nicht verwunderlich, dass er sich die anzügliche Lucy als erste zur Bestrafung vornimmt. Lucy scheint auf die Vereinigung mit dem Vampir nur gewartet zu haben. Die realen Männer sind den Ansprüchen dieser lasziven Frau ohnehin nicht gewachsen, sodass schließlich die sexuelle Gewalt des Grafen Lucy in Ekstase und gleichzeitig ins Verderben führt. In Form eines Werwolfs vollzieht der Vampir mit Lucy den sexuellen Akt und zapft ihr Blut ab. Mit Minna hingegen beginnt der Graf eine romantische sanfte Liebesgeschichte. Aber, fast hätten wir es vergessen, es gibt ja noch den armen Jonathan Haker in Transsilvanien. Dieser hat jetzt endgültig genug von den ihn immer mehr schwächenden Liebesspielen mit den Vampirfrauen. Er flüchtet aus dem Schloss, bevor ihm der Lebenssaft ausgeht.

 

Er gelangt in ein Kloster und die nun nicht mehr wirklich wartende Minna (sie hat ja den geheimnisvollen Grafen als Verehrer) erfährt, dass er noch lebt. Nach diesen traumatischen Erlebnissen will Haker nun sofort heiraten und bestellt Minna in das Kloster, wo die Heirat vollzogen wird. Nun rastet der Graf endgültig aus und Lucys Ende ist besiegelt. In einer letzten Gewalt- und Sexorgie wird die Arme aus dem Leben in den Zustand einer Untoten befördert.

 

Nun ist es Zeit für den Auftritt des berühmten Vampirjägers Van Helsing, dem größten Gegenspieler des Vampirs. Es handelt sich hier um einen Kampf der Gegensätze im großen Rahmen. Auf der einen Seite steht die Welt der Dunkelheit, aber auch der Gefühle, der Phantasie sowie der Kreativität und also die Epoche der Romantik, auf der anderen Seite die Welt des Lichts, des Realen, des Verstandes, der Vernunft sowie überhaupt die Epoche der Aufklärung. Zwei unterschiedliche Geisteshaltungen treffen aufeinander in einem erbitterten Kampf.

 

Wer aber denkt, dass Van Helsing ein Mann der Aufklärung und Vernunft ist, der wird eines Besseren belehrt. Er verfolgt und bekämpft den Vampir mit einer Leidenschaft, die weit über eine vernünftige Einstellung hinausgeht. Und an einer Stelle gibt er zu, dass er den Vampir in Wirklichkeit für seine Leidenschaft und Energie bewundert. Die Zeiten der Dunkelheit und der Magie sind vorbei und müssen einer kühlen Nüchternheit weichen. Somit ist aber auch eine Wildheit und raue ursprüngliche Energie zu Ende, die die Phantasie des Menschen beflügelt.

 

Und als Dracula als uralter, kraftloser, fast einer Mumie gleichender Mann in den Armen seiner geliebten Minna stirbt und diese ihm ein Schwert in die Brust rammt und ihm den Kopf abschlägt, um ihn zu erlösen, fühlt man, dass eine große Zeit zu Ende geht. Man ist erleichtert über das Licht, das in die Düsternis und Grausamkeit der mythischen Welt eindringt und ein neues freieres Menschenbild hervorbringt, aber gleichzeitig spürt man auch ein wenig Trauer über den Untergang der Wildheit und der Kraft der Bilder, die es nie mehr in dieser Form geben wird. Und wenn man durch die hell erleuchteten Betonburgen unsere Städte, erfüllt vom Gestank und Lärm der Autos, wandert, wünscht man sich manchmal, dass der Graf, wie in Coppolas Film auf der anderen Straßenseite steht, einen mit seiner blauen Sonnenbrille ansieht und zum Gruß den Zylinder lüftet. Statt eines nüchternen „Dates“ wünscht man sich mit dem Grafen die grüne Fee des Absinths zu beschwören und von den dunklen Wäldern der Walachei zu träumen.

Die Wesen der Nacht wurden von den LED-Lampen und anderen Lichtquellen immer weiter zurückgedrängt und an ihre Stelle sind nüchterne Gefahren getreten, denn auch die moderne Welt ist nicht weniger gefährlich.

 

 

Zum Schluss aber aus dieser Lektüre noch ein Ratschlag an alle Frauen: Wenn ihr einen Vampir trefft, dann lauft, so schnell ihr könnt, wenn ihr am Leben bleiben wollt. Wenn ihr aber als freizügige emanzipierte Frauen ein sexuelles Abenteuer der besonderen Klasse oder als tugendhafte Frau die romantischste Liebesgeschichte aller Zeiten erleben wollt, dann bleibt. Ihr werdet allerdings am Ende alle tot sein, aber langweilig wird es bestimmt nicht.